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Geburt braucht Begleitung, keine Quote

  • Autorenbild: conny
    conny
  • 28. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

In Deutschland nutzt etwa jede fünfte Frau bei der Geburt eine Periduralanästhesie (PDA).

"Erschreckend wenig" - findet Tanja Groten, eine Geburtsmedizinerin aus Deutschland.

Sie leitet die Geburtshilfe an der Uniklinik Köln.

DAS finde ich wiederum erschreckend. 


Warum? 


Lies doch bitte den Interview-Artikel aus der deutschen ZEIT (eine führende, überregionale Wochenzeitung) https://www.zeit.de/familie/2026-01/pda-geburt-mutter-schmerzen-baby?freebie=ebb2dd24


Ich möchte ihre fachlichen Ergüsse hier nicht wiedergeben.


Aber seitdem ich den Artikel gelesen habe, ist es mir ein Bedürfnis, die Debatte aus meiner Hebammensicht einzuordnen.


Worum geht es eigentlich?

Die Periduralanästhesie (PDA) ist ein Verfahren zur Schmerzlinderung unter der Geburt. Auch bekannt als Kreuzstich (umgangssprachlich)
Dabei wird ein dünner Katheter (= Röhrchen) in den Periduralraum der Lendenwirbelsäule gelegt - ja, mit einer Nadel, aber die kommt raus, sobald der Katheter drinnen liegt. Über diesen Periduralkatheter  werden kontinuierlich schmerzstillende Medikamente verabreicht.

Was eine gut gelegte PDA leisten kann ist folgendes:


  • sie kann Stress / Angst reduzieren - sprich, wenn der Vorgang Geburt einer Frau so großen Stress bereitet, dann könnte eine partielle Schmerzfreiheit, also auch das  Taubsein und wenig-bewegen, durchaus therapeutisch genutzt werden.


  • sie kann Erschöpfung vorbeugen oder dieser entgegen kommen - gerade bei ausgenommen langen Geburtsverläufen.


  • unter bestimmten Voraussetzungen können weitreichendere Interventionen vermieden werden - zB. ein Kaiserschnitt


  • bei langen Geburten verspricht die PDA einer Frau auch handlungsfähiger zu bleiben - oder wie Frau Groten es so herrlich beschreibt: "Lächelnd das Kind zur Welt zu bringen"


Der Diskurs rund um die PDA wirkt oft so, als gäbe es nur zwei Zustände: Schmerz ausschalten – oder Schmerz aushalten.

Dazwischen liegt jedoch ein weites Feld: die Auseinandersetzung mit Geburtschmerz, die eigene Körperwahrnehmung, Atemarbeit, die eigene Haltung, Beziehung, Vorbereitung und Begleitung.

Und da kommen wir ins Spiel:

„Hebammen romantisieren die Geburt und relativieren den Schmerz“

– ist das so?

Ich höre das immer mal wieder. Auch im genannten Interview höre ich es heraus.

Deshalb einmal ganz klar: Hebammen romantisieren KEINEN Schmerz - sie kennen ihn viel zu gut, als dass sie sich das anmaßen würden. Und sie kennen die Sinnhaftigkeit davon.

Hebammen nehmen Frauen ernst, die sich mit ihm auseinandersetzen wollen - mit dem Geburtsschmerz - geben die richtigen Impulse oder holen die Frau genau dort ab, wo sie gerade steht.


Das ist keine Interventionsvermeidung.

Das ist professionelle Geburtsvorbereitung und im optimalsten Fall auch Geburtsbegleitung – mit Wissen, Erfahrung und Nähe zum realen Geschehen von Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und mit dem Baby.


Frauen brauchen keine Bewertung ihrer Entscheidung.

Sie brauchen Begleitung.

Mit PDA. Ohne PDA.


Wenn eine Geburtsmedizinerin den niedrigen PDA-Anteil in Deutschland als „erschreckend“ bezeichnet, fällt mir zuerst auf  was im Diskurs fehlt. Nämlich die Auseinandersetzung mit dem Geburtsschmerz selbst.


Die Debatte suggeriert, Frauen würden hauptsächlich aus Angst, Unwissen oder ideologischer Verblendung auf eine PDA verzichten (müssen).

Diese Verkürzung wird der Realität vieler Gebärender nicht gerecht.

Denn es gibt Frauen, die sich bewusst mit ihrem Geburtsschmerz auseinandersetzen wollen. Oft lange, bevor sie ihn erleben. Aber nicht, weil sie leiden wollen.

Sondern weil sie spüren möchten, was in ihrem Körper geschieht – und wie sie damit umgehen können.


Würden wir Hebammen nun also wirklich und fälschlicherweise die Geburt zum Leidwesen der Frauen  romantisieren und den dazugehörigen Schmerz einfach runterspielen, wer hätte denn davon etwas? Hebammen arbeiten seit jeher MIT dem Geburtsschmerz und nicht gegen Frauen. Aber  immer  gegen eine Medizin, die Geburt vor allem als Problem behandelt.

Geburtsschmerz nur als etwas zu sehen, das man möglichst ausschalten sollte, spricht Frauen immer wieder ihre Fähigkeit ab, gebären zu können. Gleichzeitig wird Geburt so auf ein medizinisches Problem reduziert, statt sie als komplexes biopsychosoziales Geschehen zu verstehen.

Geburtshilfe bedeutet doch, Frauen ernst zu nehmen, wenn sie sich nach guter Begleitung und Vorbereitung GEGEN oder FÜR eine PDA entscheiden.


Eine ‘gute’ Geburt misst sich nicht an den PDA-Quoten und lächelnden Frauen. Sondern daran, ob Frauen sich begleitet, ernst genommen und sicher fühlen.

Und der Geburtsschmerz ist doch bitte nicht per se ein Fehler, der „behoben“ werden muss.

Er ist ein Teil des Geburtsprozesses, mit dem Frauen unterschiedlich umgehen dürfen. 


Eine (natürlich völlig fiktive) Vorstellung meinerseits:


Was wäre, wenn wir gar nichts mehr spüren würden?

Keine Menstruation.
Keinen Geschlechtsverkehr.
Keinen Eisprung
Kein wachsendes Kind.
Keine wachsende Gebärmutter.
Keine Wehen.
Keine Wunden.
Kein saugendes Baby.

Einfach: nichts.

Wäre das der Moment, in dem endlich alle zufrieden wären mit der dauerhaftesten PDA ever?


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